Was regelt die Melkanlagennorm?

Ungeachtet der umfangreichen Prüfungen und Grenzwerte werden wesentliche Punkte, die Voraussetzung für eine zügige, vollständige und schonende Milchabgabe sind, in der Melkanlagennorm ISO 5707 nicht geregelt. So findet sich z.B. für das Vakuum in den Zitzengummis (also das direkt auf die Zitzen einwirkende Vakuum) kein Grenzwert, sondern nur eine vage formulierte, unverbindliche Bandbreite. Diese ist mit 32 - 42 kPa nicht nur viel zu weit gefasst, sondern trifft zudem auch keine Unterscheidung zwischen Saug- und Entlastungsphase. Und das, obwohl Wissenschaft und Praxis häufig bewiesen haben, dass instabiles bzw. zu schwaches Saugphasenvakuum (< 38 kPa) die Euterentleerung beeinträchtigt, während zu hohes Entlastungsphasenvakuum (> 20 kPa) erheblich zum Entstehen von Zitzengewebeschäden beiträgt.

Ebenso fehlen verbindliche bzw. eindeutige Vorgaben für die Positionierung von Melkbechern, den Zeitpunkt der Melkzeugabnahme und die Abmessungen von Zitzengummis in Relation zur vorherrschenden Zitzengröße einer Herde. Schließlich sagt eine Melkanlagenprüfung nach ISO auch nichts darüber aus, ob die Melkanlage fachgerecht montiert ist. So ist z.B. immer wieder festzustellen, dass Rohrmelkanlagen mehrfach nach Normvorgaben geprüft und für ordnungsgemäß befunden wurden, obwohl die Milchleitung zwischen dem Anbindestall und der Milchkammer (Milchschleuse) ansteigt. In einem solchen Fall treten in der Milchleitung und damit in allen Melkeinheiten zwangsläufig starke und unkontrollierte Vakuumschwankungen auf, sobald gemolken wird. Ohne Milchfluss, also bei den "Trockenprüfungen" nach ISO fällt dieser Fehler hingegen nicht auf.

Es ist also festzustellen, dass Melkanlagenprüfprotokolle nur aussagen, ob eine Melkanlage die Vorgaben der einschlägigen Norm hinsichtlich der Grundfunktionen (Vakuum, Luftfluss, Pulsation) erfüllt. Dies ist jedoch keine Garantie für eine zügige, schonende und vollständige Euterentleerung. Denn laut eigener Einleitung definiert die Melkanlagennorm nur Mindestanforderungen. Diese sind teilweise sogar zu schwach und regeln wesentliche Punkte nicht bzw. nur vage. Keinesfalls stellen ISO 5707 & ISO 6690 den "Stand der Technik" oder eine generell ausreichende Grundlage für einwandfreies Melken dar, wie dies immer wieder behauptet wird.

Dementsprechend sind auch häufig trotz bestandener Normprüfung die klassischen Zeichen unzulänglichen Melkens festzustellen, nämlich unvollständig entleerte Euter (hohe Restmilchmengen) und verhärtete Zitzenspitzen bzw. Hyperkeratosen. Dennoch ist eine regelmäßige Melkanlagenprüfung sinnvoll. Denn selbst die raffinierteste Spezialmelktechnik kann nichts positives bewirken, wenn in einer Melkanlage nicht einmal die Grundfunktionen passen.

(C) Dr. Dirk Hömberg, D-48167 Münster, alle Rechte vorbehalten

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